Laptoptastatur - Symbolbild zur Digitalisierung
CC-BY-SA Marina A. Henn

Das Versäumnis der Medienkompetenz

Medienkompetenz ist eine Schlüsselqualifikation für die jungen Generationen, doch in Schulen sitzen wir digital oftmals noch in der Steinzeit fest. Dies ist ein Plädoyer für den Einsatz moderner, digitaler Bildungsmöglichkeiten an Schulen und die Unterstützung von Lehrkräften, dies umzusetzen.

Ein Blogbeitrag von Marina A. Henn

Ich erinnere mich noch genau an den ersten Computer, der spätestens Mitte der 90er Jahre in unserem Klassenzimmer in der Grundschule stand. Damals, als man die Programme noch von Disketten startete. Was mir damals wie eine Selbstverständlichkeit von der Hand ging, hätte ich heute meine Probleme nachzuahmen. Stolz durfte ich mich damals in der Klassengemeinschaft „Computerchefin“ nennen und anderen Kindern die Programme starten. Immer in Zweier-Teams drängten wir uns dann vor einen sehr klobig wirkenden Kasten mit spartanischen Animationen, an denen wir das Einmaleins wiederholen konnten. Es war eine andere, spielerische Art des Lernens. Lockerer als der normale Schulunterricht und man durfte selbstständig dort seine Lösungen erarbeiten.
Schon damals schieden sich die Geister an der Frage nach dem Einsatz solcher „Kästen“ in Klassenzimmern. Kritischere Elternteile malten sich düstere Zukunftsvisionen aus, dass alle Kinder bald alleine zu Hause vor einem Computer sitzen würden und diese alles von einer Maschine beigebracht bekämen, statt im Klassenzimmer. Weniger kritischere Eltern freuten sich über die Abwechslung, die ihren Sprösslingen Spaß bereitete.
Damals war das Internet zunächst an Hochschulen, später auch in der Privatbevölkerung, keine Unbekannte mehr. Und auch ahnte man zumindest schon, dass man für das, was kommt, Medienkompetenzen brauchen würde.

Tabletcomputer – Digitalisierungsrevolution oder Teufelszeug in der Bildung?

Heute, 20 bis 25 Jahre später, haben sich die Möglichkeiten rasant gewandelt. Die Geräte sind so klein geworden, dass jedes Kind ein Tablet in der Schultasche mit sich rumtragen könnte. E-Learning heißt es nun, wenn Kinder Apps laden, die ihrer Bildung dienen. Interaktives Lernen hat neue Dimensionen angenommen; so besteht die Möglichkeit, über eingebaute Kameras digitale und analoge Lernvorgänge zu verbinden. Gruppenarbeit kann in der Koordination über soziale Netzwerke völlig neu gedacht werden. Informationen und Texte können aus dem Internet gezogen werden und bald wird es vermutlich Schulbücher als E-Books geben.
Doch wie sieht es ein viertel Jahrhundert später mit der Medienkompetenz aus? Leider hat sich da nicht viel getan. E-Learning-Methoden in den Unterricht zu integrieren, das ist noch kein fester Bestandteil einer LehrerInnen-Ausbildung. Oft fehlen auch immer noch die Kompetenzen über den Nutzen von und die Gefahren im Netz aufklären zu können, den Umgang mit Informationen aus dem Netz zu managen und die Rechercheergebnisse zu bewerten.
Von der Hochstilisierung der Tabletcomputer als universelle Antwort in Geräteform, um die soziale Gerechtigkeit weltweit durch Bildung zu verbessern, bis hin zur Verteuflung in der Bildung mit „früher war alles besser“-Aussagen findet man auch heute eine ganze Bandbreite an Meinungen zu dem Thema.
Vieles mag sich aus technischem Unverständnis begründen. Und oftmals ist die Hürde, diese Medien einzusetzen, bei Lehrkräften hoch. Gewohnheiten sind eben doch schwerer abzulegen als man denkt. Das soll gar kein Vorwurf an all die engagierten Lehrkräfte sein, die oftmals die Helden des Alltags sind. Doch uns fällt es als Menschen einfach leichter auf das zurückzugreifen, was wir bereits kennen. Praktische Anleitungen und Schulungen, eben Förderprogramme fehlen hier noch, die den Pädagoginnen und Pädagogen helfen würden, diese Hürde leichter zu nehmen.

Medienkompetenz muss gezielt gefördert, nicht abgewartet werden

Während also die Wissenschaftler zusammen mit Informatikern die Möglichkeiten, digitales Lernen zu nutzen, kontinuierlich weiterentwickeln, scheint sich an der Realität in Schulen bzgl. dem Einsatz der digitalen Assistenzen wenig geändert zu haben. Klar, wir haben teilweise digitale Tafeln und auch Computerzimmer, aber das ist im Vergleich zur technischen Entwicklung doch wenig, was sich an den Bildungseinrichtungen verändert hat. Die Ausstattung mit Computern an saarländischen Schulen ist laut Regierung…. ja, eigentlich wissen wir das auf Landesebene im Saarland nicht so genau. Erhebung darüber gibt es nämlich keine, wie unsere Anfrage dazu gezeigt hat. Wer, was, wozu und wie viel an E-Learning einsetzt im Klassenzimmer ist ein grauer Schleier für die Regierung.
Die Ahnung bleibt aber zumindest, dass alles, was an technischer Innovation ankommt, zuerst durch das Nadelöhr von Vorurteilen und Beschränkungen der eigenen digitalen Fertigkeiten muss. So wünschten sich 70 Prozent der Deutschen bereits 2011 die schnelle Einführung digitaler Schulbücher. 0,6 Prozent aller Deutschen haben sich im selben Jahr einen kostenlosen Probe-Account für solche zugelegt.
Genau hier fehlt die Initiative der zuständigen Entscheider und Behörden. Wo bleibt die Vermittlung der Medienkompetenz an unsere LehrerInnen, wieso bilden wir diese nicht fort? Warum haben wir noch immer keine fest definierte Einheit im Lehrplan – beispielsweise in Form eines eigenen Schulfachs – welches ausreichende und umfassende Medienkompetenz vermitteln soll.

Medienkompetenz bedeutet Zukunft

Es scheint, als wären wir, trotz der vielen Jahre, zwischen den ersten Computern in Klassenzimmern und der digitalen Tablet- und Smartphonerevolution in den Schulen oftmals noch in der digitalen Steinzeit.
Was uns fehlt sind Programme, die die Situation verbessern. Egal, ob

  • wir Geflüchtete integrieren wollen,
  • für Kinder mit besonderem Förderbedarf Inklusion sicherstellen möchten,
  • in den Oberstufen selbstständiges Lernen fördern und Gruppenarbeit neu denken müssen,
  • es uns um generelle neue, multimediale Formen des Unterrichts geht

… hier kann Digitalisierung helfen, wenn sie denn richtig eingesetzt wird. Zudem fördert die Vermittlung von Medienkompetenz die Zukunftschancen unserer Kinder, denn immer mehr Berufe kommen ohne gar nicht mehr aus. Gerade hier ist es wichtig, alle SchülerInnen mitzunehmen, damit auch die mit schlechteren digitalen Bildungsvoraussetzung von zu Hause aus eine Chance haben, auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen und ihren Berufsweg damit freier zu gestalten. Ein umfassendes Handeln ist also längst überfällig, vor allem im sogenannten IT-Land Saarland.

Eine Reaktion zu “Das Versäumnis der Medienkompetenz

  1. Pingback: Das Versäumnis der Medienkompetenz - Pirat...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.