Michael Hilberer steht gelehnt gegen einen Saarbahnzug
Foto: Marina A. Henn; Bildbearbeitung: Stefanie Radtke (Zoradesign)

GUTES BUS- & BAHN-ANGEBOT IM SAARLAND WÄRE MÖGLICH

EIN REISEBERICHT AUS DEM ANGEBOT DES REGIO-VERKEHRSBUNDES FREIBURG (RVF)

Unser wissenschaftlicher Referent für Verkehr zieht einen Vergleich zwischen dem Bus und Bahn Angebot im Saarland und dem im Schwarzwald. Inspiriert hat ihn seine Reise dorthin. Unser Bundesland schneidet schlecht ab, er stellt aber Möglichkeiten für eine positive Zukunft in Aussicht. Denn der Schwarzwald machts vor: Gutes Angebot geht doch.

Ein Blogbeitrag von Karl-Georg Schroll

Gelandet sind wir, zwei Erwachsene, in einer der hintersten Ecken im Schwarzwald, ca. 943 Meter hoch gelegen. Altglashütten heißt der Ort, vielleicht 500 Einwohner groß. Die ersten Erkundigungen führten uns zur Bushaltestelle. Verwunderlich für uns, die wir die hiesigen Verhältnisse im Saarland kennen, dass auch an einem Sonntag fünfmal ein Bus fährt, der die nächste Bahnstation anfährt und danach weiter bis zum Feldberg. Insgesamt eine Fahrt von gut 30 Minuten.
Das RVF-Gebiet hat eine vergleichbare Größe wie das Saarland, ca. 2.200 qkm mit 630.000 Einheimischen. Da der Schwarzwald fast ganzjährig ein Tourismusangebot vorhält, ist im RVF-Gebiet beständig mit Bewohnern um eine knappe Million zu rechnen. Ein guter Vergleich mit dem Saarland.
Vom gastgebenden Hotel erhielten wir die sogenannte KONUS-Karte. Das steht für Kostenlose Nutzung von Bus und Bahn im Schwarzwald. Damit sind alle öffentlichen Verkehrsmittel zweiter Klasse nutzbar sowie ermäßigte Eintritte in bspw. Museen gegen einen Kurbeitrag von 2,60 Euro pro Person und Tag. Beglichen wird dies einfach über die Hotel-Rechnung.
Dieses „fahrscheinlose“ ÖPNV-Angebot haben wir sehr genossen. Zum Beispiel sind wir zwei Stunden gewandert, eine Stunde mit dem Zug gefahren, den Bus zum Feldberg und den Sessellift genutzt um dann noch mehr zu wandern und sind auch mit dem Regionalexpress einen Tag ins 50 km entfernte Freiburg gereist. Die Busse und Bahnen waren so voll, dass man stehen musste.
Übertragen aufs Saarland: Es könnte hier genauso funktionieren, wenn man die Dörfer, Klein- und Mittelstädte miteinander vernetzen würde. Das Beispiel Altglashütten, abseits gelegen, aber zentral an den ÖPNV angebunden, zeigt, dass Bus- und Bahnfahren auch im ländlichen Raum funktionieren kann. Die Nachfrage ist vorhanden, wenn es ein Angebot gibt, welches überzeugt.
Die KONUS-Karte entspricht eigentlich unserer Piraten-Forderung nach einem vereinfachten Bezahlsystem, den fahrscheinloser ÖPNV. Für eine Vielzahl an Touristen wäre das Schwarzwaldprinzip gut. Und die Einheimischen? Die nutzen natürlich auch die vorhandenen, gut ausgebauten ÖPNV-Strukturen. So steigt das Fahrgastaufkommen erheblich. Diese Masse macht’s, denn das drückt den Preis. Das macht auch der RVF vor: Im Jahresabo kostet die normale Monatskarte dort weniger als 50 Euro für das gesamte RVF-Gebiet, für jeden Verkehrsträger, für jedes Verkehrsmittel.
Es ist für mich unverständlich, warum die saarländische Landeregierung nicht hier einmal Anleihen macht und den Mut zeigt endlich eine Verkehrswende im Saarland einzuleiten.

Weiteres zum ÖPNV:

Mit dem fahrscheinlosen Konzept könnte jeder im ganzen Saarland, mit jedem Bus und jedem Zug fahren – ohne jemals einen Fahrschein zu kaufen. Das Konzept ist bereits in Modellstädten sehr erfolgreich und würde hier zwei Milliarden Euro Mehreinnahmen in zehn Jahren erbringen. Zur Zeit ist die Situation im Saarland, dass von Jahr zu Jahr weniger Geld in die Kassen des ÖPNVs gespült wird, dann mehr und mehr müssen die Bus- und Bahnlinien gekürzt werden. Das ist eine Katastrophe – für den Umweltschutz, aber auch die Anwohner, die auf den Bus angewiesen sind. Wenn weniger Busse fahren, fahren mehr Leute Auto. Dies wird zu einer Spirale, die sich jedes Jahr weiter nach unten dreht. Wir sehen das Saarland für mit diesem Gesetz in einer Vorreiterfunktion.

Beispielrechnung zum fahrscheinlosen ÖPNV im Saarland

Jede Saarländerin / jeder Saarländer ab 18 Jahren zahlt 19,64 €/Monat für den ÖPNV.

Wahlberechtigte im Jahr 2012 797.512
Ausländer 2012 ca. 80.000
davon > 18 Jahre ca. 55.000

Also rund 850.000 Menschen zahlen monatlich 19,64 €.

Die Fahrscheineinnahmen betragen derzeit für das komplette Saarland ca. 43 Mio €. Davon abzuziehen sind die Kosten, die durch die Infrastruktur der Fahrscheine entstehen. (in erster Linie Fahrscheinautomaten, Fahrscheinverkauf, Vertrieb).
Ca. 35 Mio € Fahrscheineinnahmen verbleiben.

Derzeit wird der ÖPNV im Saarland mit ca. 121 Mio € bezuschusst.

Berechung

Bisherige Einnahmen

Fahrscheineinnahmen 35.000.000 € / Jahr
Zzgl. Zuschuss 121.000.000 € / Jahr
Gesamt: 156.000.000 € / Jahr

Einnahmen durch ‚fahrscheinlosen ÖPNV‘

850.000 x 19,64 € x 12 Monate —  200.328.000 € / Jahr
Zzgl. Zuschuss 121.000.000 € / Jahr
Gesamt: 321.328.000 € / Jahr

Das sind 106% Mehreinnahmen – also mehr als das Doppelte –, die in den ÖPNV fließen können.

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